Impulspapier: Soziale Innovationen

Veröffentlicht am: 4. Dezember 2019

Die Förderung sozialer Innovationen strategischer angehen, Sozialunternehmen stärken sowie das Forschungsfördersystem noch weiter für soziale Innovationen öffnen – das sind die Schwerpunkte des Impulspapiers „Soziale Innovationen“ des Hightech-Forums. Federführende Autoren sind die Mitglieder Prof. Dr. Anke Hassel, Prof. Dr. Manfred Prenzel, Julia Römer, Prof. Dr. Birgitta Wolff und Prof. Dr. Christiane Woopen. Hintergrund ist das in der Hightech-Strategie 2025 festgelegte Ziel, die Forschungsförderung verstärkt für soziale Innovationen zu öffnen. Das Hightech-Forum unterstützt die Bundesregierung bei der Umsetzung dieses Ziels.

1Soziale Innovationen als Instrument zur Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen

Klimawandel, Urbanisierung, der demografische Wandel, Digitalisierung und Migration stehen heute im Vordergrund als Treiber gesellschaftlicher Umbrüche. Diese großen Herausforderungen sind zu komplex, als dass man ihnen ausschließlich mit technologischen Innovationen begegnen könnte. Benötigt werden sowohl technologische als auch soziale Innovationen.

Soziale Innovationen beziehen sich auf neue soziale Praktiken (Verhaltensänderungen) und Organisationsmodelle, die darauf abzielen, für die Herausforderungen unserer Gesellschaft tragfähige und nachhaltige Lösungen zu finden.¹ Sie sind Teil des Ökosystems für Innovation und damit notwendiger Bestandteil einer offensiven Innovationsstrategie. Soziale Innovationen sind nicht notwendigerweise technologiebasiert. Oft „gehen technologische Innovationen mit sozialen Innovationen Hand in Hand und bedingen einander.“²

Besonders disruptiver technologischer Fortschritt erfordert und bedingt gesellschaftliche Verhaltensänderungen. Einerseits können und müssen soziale Innovationen neue Realitäten z. B. am Arbeitsmarkt und am Arbeitsplatz begleiten und verarbeiten, etwa wenn digitale Arbeitsweisen soziale Ungleichheiten hervorbringen, den Arbeitnehmerdatenschutz berühren oder neue Formen der Abgrenzung von Arbeit und Erholung erforderlich werden. Andererseits kann technologischer Fortschritt neue Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben, z. B. wenn Kommunen eigene soziale Plattformen aufbauen, um Nachbarschaftshilfen zu fördern oder Messdaten über Umweltbelastungen zu erheben. Häufig kommen Impulse für soziale Innovationen aus der Zivilgesellschaft. Sie können aber auch Teil politischer Prozesse oder unternehmerischer Praxis sein. Sozialunternehmen können hier wichtige zusätzliche Impulse geben. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie soziale und gesellschaftliche Ziele mit unternehmerischen Mitteln gemeinnützig verfolgen. Die Praxis sozialer Innovationen ist vielfältig und dynamisch. Ihr Erfolg ist nicht immer messbar und stark von lokalen Rahmenbedingungen abhängig. Ihre Skalierbarkeit ist nicht selbstverständlich. Ziel muss es sein, soziale Innovationen problembezogen zu denken und mit neuen Stakeholder-Formaten Lösungen zu entwickeln, die eine offene und aktive Innovationskultur in der Gesellschaft fördern.

 

Ausgewählte Themengebiete für soziale Innovationen, die im Rahmen zweier Experten-Workshops im Juli und September 2019 diskutiert wurden.

Mobilität. Vor großen Herausforderungen steht die Mobilität. Einerseits pendeln Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer längere Wege zum Arbeitsplatz. Die Zahl der Autos hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Andererseits stellt der Klimaschutz den Individualverkehr infrage. Initiativen für soziale Innovationen setzen auf ein neues Mobilitätsverhalten z. B. durch Car Sharing, bessere Nutzung des ÖPNV, den Ausbau von Radwegen und eine neue Gestaltung des öffentlichen Raums. Einerseits sind hier neue Anbieter, Sozialunternehmer und Initiativen aktiv. Andererseits werden wichtige Entscheidungen von der Industrie (Gestaltung von Autos, Emissionen und Verbrauch) und der öffentlichen Hand (ÖPNV, Straßengestaltung, Gestaltung des öffentlichen Raums) getroffen. Ein produktives Zusammenwirken von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft verbindet technologische (emissionsarme Antriebe, z.B. Elektroantrieb) mit sozialen Innovationen (gesunde Mobilität).

Kommunale Entwicklung und soziale Integration. Die Gesellschaft verändert sich rasant durch Klimawandel, Zuwanderung, Alterung und die digitale Transformation zentraler gesellschaftlicher Bereiche. Urbane und ländliche Räume benötigen neue soziale Dienstleistungen und eine Neugestaltung des öffentlichen Raums. Nachbarschaftshilfen, Mehrgenerationenhäuser, regionale und naturnahe Lebensmittelversorgung sowie die Versorgung des ländlichen Raums mit wesentlicher Infrastruktur sind wichtige Ansätze. Gerade bei der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum werden neue effiziente Konzepte wie beispielsweise mobile Bürgerämter, Bankfilialen und Ärztebusse erprobt. Neue Lösungen können auch durch kommunale Beteiligungsplattformen und eine bessere Einbindung von Anwohnern (elektronische Partizipationsformen, Bürgerbudgets) entwickelt werden.


2Definition einer sozialen Innovationsstrategie

Soziale Innovationen müssen aus der Perspektive gesellschaftlicher Herausforderungen gedacht werden. Die Missionen der Hightech-Strategie 2025 sind ein Weg, um durch den zielgerichteten Einsatz von Mitteln großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Soziale Innovationen, ebenso wie technologische Innovationen und mit diesen im Wechselspiel, leisten einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung der Missionen.3, 4

Entwicklung einer nationalen Strategie zu sozialen Innovationen: Für die erfolgreiche Umsetzung von Missionen werden soziale Innovationen benötigt. Derzeit werden soziale Innovationen als Querschnittsthema in verschiedenen Politikressorts behandelt. Ein integrativ-strategisches Vorgehen in Form einer ressortübergreifenden Koordination erfolgt gegenwärtig nicht. Eine nationale Strategie sollte erarbeitet werden, um die Entwicklung und den Wirkungsgrad sozialer Innovationen zu erhöhen, den Akteuren Planungssicherheit und Orientierung zu geben und Synergien zu heben. Eine solche Strategie muss klare Zuständigkeiten und operationalisierte Ziele definieren. Sie muss konkretes, ressortübergreifendes Handeln auslösen. Aus diesem Grund sollte die Zuständigkeit für soziale Innovationen an einer zentralen Stelle wie z. B. bei einer/einem Beauftragten gebündelt werden. Die Strategie muss als Prozess formuliert werden. Die Zielerreichung sollte kontinuierlich evaluiert und die Strategie angepasst werden. Einige europäische Länder haben bereits Erfahrungen mit einer nationalen Strategie gemacht, darunter Schweden. Die Strategie zu sozialen Innovationen soll perspektivisch die Hightech-Strategie weiterentwickeln. Die nächste Forschungs- und Innovationsstrategie sollte stärker als bisher soziale und technologische Innovationen miteinander vereinen.

Eine nationale Strategie zu sozialen Innovationen sollte drei Schwerpunkte haben:

Schwerpunkt 1 – Identifizierung der Bedarfe für soziale Innovationen: Gesellschaftliche Herausforderungen müssen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern definiert werden. Menschen und Praktiker vor Ort sind Experten in eigener Sache. Sie verstehen Probleme und zeigen möglicherweise Ansatzpunkte für deren Lösung auf. Eine frühzeitige, ernsthafte und kontinuierliche Einbindung fördert das Vertrauen in Maßnahmen sowie die Gestaltung von Projekten und Dienstleistungen. Zur Identifikation von Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort sollte sowohl auf elektronische Partizipationsformen, z. B. Online-Plattformen, als auch auf lokale Beteiligungsformate wie Bürgerdialoge und Bürgerräte gesetzt werden. Multiplikatoren wie Quartiersmanager, Sozialpartner, Wohlfahrtsverbände, Unternehmen und Wirtschaftsförderungsgesellschaften sollten an der Entwicklung neuer Dialogformate beteiligt sein, um einer geteilten Verantwortung für das Gemeinwesen gerecht zu werden. Insbesondere die Frage der Inklusion von Schwächeren und Älteren in einer sich schnell verändernden Welt muss systematisch adressiert werden. So engagiert sich beispielsweise die Agentur KENNISLAND in den Niederlanden aktiv in den Nachbarschaften, um die Lebensbedingungen von alten pflegebedürftigen Menschen vor Ort kennenzulernen und deren Situation zu verbessern.

Schwerpunkt 2 – Innovationswettbewerbe stärken: In Stakeholder-Dialogen können Missionen unter breiter Beteiligung identifiziert und implementiert werden. Innovationswettbewerbe eignen sich besonders, um Missionen durch öffentlich-private Konsortien zu adressieren. Die Wettbewerbe werden international ausgeschrieben, erforderliche Informationen (z. B. technische Details) zur Verfügung gestellt und auf Basis der identifizierten Herausforderungen Ziele formuliert. Niederschwellige Antragsverfahren entsprechen dem partizipatorischen Ansatz von sozialen Innovationen, um ein breites Spektrum an Interessierten einzubinden. Der „Mut zur sozialen Innovation“ wird in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik nicht adäquat berücksichtigt, weil man nicht von den klassischen Methoden der Erfolgskontrolle abweicht. Die Ausschreibungen sollten daher problemorientiert und offen erfolgen, ohne die Vorgabe von Lösungsansätzen und ohne den Bewerberkreis einzuschränken. Erfolgreiche Wettbewerbe motivieren neue Akteure und bringen mehrere Lösungswege hervor, sodass der Effekt von Fördermitteln gehebelt wird. Die Bundesregierung hat mit der Zukunftscluster-Initiative einen wichtigen Schritt in Richtung offener Innovations- und Ideenwettbewerbe gemacht. Benötigt werden zusätzliche Ideenwettbewerbe, die gezielt soziale Innovationen adressieren. Zudem bedarf es für soziale Innovationen anderer Validierungsziele. Viele soziale Innovationen können nicht in gleicher Weise wie technologische Innovationen quantifiziert werden, da die Skalierbarkeit eine andere ist und auch die Effekte sozialer Innovationen schwerer und nur teilweise zu messen sind.

Schwerpunkt 3 – Experimentierräume fördern: Bei der Implementierung von Ideen für soziale Innovationen kommt Experimentierräumen eine große Rolle zu. Sie können dabei helfen, Regulierungen, Praktiken, Technologien und Partizipationsformate flexibel und kreativ zu testen. Sie können auch neue Regulierungsformen durch zivilgesellschaftliche Partizipation entwickeln. Dies geschieht durch effektiven Austausch zwischen der Zivilgesellschaft, Innovatoren und Regierungen und eine kontinuierliche Anpassung der Rahmenbedingungen und erneute Erprobung. Dieser Prozess erfordert in erster Linie gegenseitiges Vertrauen und seitens der Politik ein gewisses Maß an Flexibilität und die tatsächliche Bereitschaft für Anpassungen. Bei sozialen Innovationen geht es auch um das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgerinnen und Bürgern. Solche Experimentierräume bedürfen begleitender Forschung und kontinuierlicher Evaluation, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und Handlungsbedarfe zu ermitteln.5, 6 Internationale Vorbilder hierfür sind das Staatslabor aus der Schweiz7 und das Mindlab in Dänemark.


3Sozialunternehmen als Impulsgeber für soziale Innovationen stärken

Wichtige Akteure zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen sind Unternehmen. Sozialunternehmen können hier besondere Innovationsimpulse geben. Sozialunternehmen verfolgen gemeinwohlorientierte Zwecke mit unternehmerischen Mitteln und sind der Beleg dafür, dass Gemeinwohl und Gewinnstreben kein Widerspruch sind. Ihre Tätigkeitsfelder liegen häufig in den Bereichen Bil­dung, lokale Integration, Gesundheit und Stadtgestaltung.

Sozialunternehmen als Akteure verstehen: In Deutschland existiert bereits eine Vielzahl an Sozialunternehmen. Je nach Definition geht man von bis zu 70.0008 oder 108.0009 Sozialunternehmen aus. Dabei wird die jeweilige Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens und nicht etwa die steuerrechtliche Gemeinnützigkeit als wichtigstes Kriterium zugrunde gelegt. Die Definition der Europäischen Kommission erachtet als weiteres Kriterium unter anderem enge Grenzen bei der Verwendung der Profite.10 Diese unklare Datenlage zeigt, dass diese Akteursgruppe noch nicht ausreichend verstanden und erforscht ist.

Sozialunternehmen als Innovatoren wahrnehmen: Sozialunternehmen sind sehr innovativ. Aktuellen Studien zufolge überführt ein Drittel von ihnen Ideen in Form von Marktneuheiten auf den Zielmarkt, die es zuvor dort nicht gab. Bei anderen Jungunternehmen ist dies lediglich jede neunte (11 %)11. Sozialunternehmen geben somit wichtige Impulse, auch für etablierte Akteure in der öffentlichen Verwaltung. Trotz dieses enormen Potenzials erfährt das Sozialunternehmertum im Alltag nicht die erforderliche Unterstützung. Neben einer höheren Anerkennung und dem Ausbau von Beratungsstrukturen sollte auch die finanzielle Ausstattung und deren Tragfähigkeit nachhaltig im Sinne einer Unterstützung von Sozialunternehmern verbessert werden. Dazu zählt in besonderem Maße die Bereitstellung von Finanzierungsmitteln für die Wachstumsphase von Start-ups.12

(Sozial-)Unternehmen als Kooperationspartner einbinden: Angesichts ihrer Möglichkeiten, unternehmerisches Handeln zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen einzusetzen, sowie ihrer vielseitigen Netzwerke sollten sie zu einem der Schwerpunkte in der nationalen Strategie für soziale Innovation gemacht werden. Ziel ist dabei auch die Zusammenarbeit zwischen etablierten sozialen Dienstleistern, Wohlfahrtsverbänden und Sozialunternehmen und damit die produktive Kooperation alter und neuer Akteure in Unternehmen, Kommunen, Verbänden und in der Zivilgesellschaft. Gemeinsam sollen neue soziale Praktiken entwickelt werden.


4Gezielte Förderung des Innovationsumfelds

Die öffentliche Hand verfügt bereits über eine Vielzahl von Instrumenten zur Steuerung und Stärkung des Innovationsumfelds. Viele soziale Innovationen finden im Austausch und im Wettbewerb mit öffentlichen oder sozialen Dienstleistungen statt. Um sie bestmöglich zu fördern und zu nutzen, muss sich die öffentliche Verwaltung stärker innovativen Praktiken (auch in ihrer eigenen Wirkungsweise) öffnen und die Kooperation mit Treibern sozialer Innovationen suchen.

Staatliches Beschaffungswesen für soziale Innovationen nutzen: Ein großes Potenzial, soziale Innovationen zu fördern, liegt im enormen Auftragsvolumen des staatlichen Beschaffungswesens von mehr als 300 Milliarden Euro jährlich. Eine Sensibilisierung der öffentlichen Verwaltung und Öffnung für soziale Innovationen würde dazu führen, dass die öffentliche Hand stärker vom Förderer in die Rolle des Nachfragers von sozialen Innovationen wächst. Bisher nehmen Sozialunternehmen noch zu selten an einem Auswahlverfahren für öffentliche Beschaffungen teil. Dies lässt viele Potenziale in der öffentlichen Auftragsvergabe ungenutzt. Das „Kompetenzzentrum innovative Beschaffung“13 sollte das Thema auf die Agenda setzen und die Vergabepraxis für Produkte und Dienstleistungen dahingehend überprüfen.

Ausweitung bestehender Programme auf soziale Innovationen: Abgesehen von einigen Pilotprojekten ist das bisherige staatliche Fördersystem zumeist auf technologische Innovationen ausgerichtet und fordert in den Ausschreibungen quantitative Validierungsziele ein. Soziale Innovationen unterliegen nicht der gleichen quantitativen Bewertungssystematik wie technologische Innovationen und erfordern somit die Entwicklung von Indikatoren und Methoden zur Bewertung. Dabei steht auch die Frage im Fokus, wie sich Gemeinnutzen messen lässt. Ansatzpunkte könnten beispielsweise der Beitrag zum Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) oder der Beitrag zur Reduktion von CO2 darstellen. Hier sollte die Forschung für eine entsprechende Indikatorik und Erfolgsmessung vorangetrieben werden – und zwar im Sinne einer Neudefinition von Validierungszielen, die dem Charakter von sozialen Innovationen gerechter werden. Öffentliche Förderkriterien sollten zudem offener formuliert und für weitere Akteure geöffnet werden. Falls noch nicht vollständig umgesetzt, sollten bestehende Programme, wie unter anderem der ERP-Gründerkredit StartGeld, das EXIST-Gründerprogramm, der High-Tech Gründerfonds oder der INVEST-Zuschuss, für Sozialunternehmertum und soziale Innovationen zugänglich gemacht und auf deren Bedürfnisse und Besonderheiten abgestimmt werden. Eine entsprechende Erhöhung der finanziellen und personellen Kapazitäten muss im Verhältnis zu der Anzahl Antragsberechtigter und der Dimension der gesellschaftlichen Herausforderung stehen. Darüber hinaus sollten den zuständigen Programmmitarbeitern konkrete Entscheidungshilfen, Beurteilungskriterien, Definitionen und Schulungen bereitgestellt werden, um soziale Innovationen beurteilen zu können.

Neue Finanzierungsquellen für soziale Innovationen prüfen: Neben den bereits existierenden Förderinstrumenten werden derzeit in anderen Ländern weitere Finanzierungsmodelle erprobt oder bereits angewendet. Eines davon stellen die sogenannten Social Impact Bonds dar. Diese wirkungsorientierten Investitionen beziehen soziale und ökologische Kriterien bei der Entscheidung über die Höhe der Rendite ein. Dadurch kann mehr Kapital für soziale Innovationen mobilisiert werden. Potenziellen Investoren wird eine nachhaltige und sozialverträgliche Investitionsmöglichkeit geboten. Eine weitere Finanzierungsquelle können nachrichtenlose Konten sein.14 Deren Guthaben würden auf einen staatlichen Fonds übertragen und aus den Erträgen, ähnlich wie in Großbritannien15, soziale Innovationen nachhaltig gefördert werden.

Aufbau von Vernetzungs- und Beratungsstrukturen: Um Kompetenzen im Bereich sozialer Innovationen aufzubauen, Beratungskapazitäten zu etablieren und eine effiziente Projektbetreuung zu sichern, sollten flächendeckende Anlaufstellen für Menschen mit Ideen eingerichtet werden. Andere europäische Länder haben beispielsweise Innovationsagenturen aufgebaut (NESTA16 in Großbritannien, VINNOVA17 in Schweden). Diese Agenturen gestalten selbstständig eigene Förderprogramme, die an aktuelle Bedürfnisse angepasst sind (z. B. Migration und Integration). Große Kommunen haben wiederum eigene Agenturen gegründet, die in Dialogformaten Strategien zur Lösung lokaler Probleme (z. B. Amsterdam Smart City) entwickeln. Zugleich sind soziale Innovationen stark von den lokalen Rahmenbedingungen abhängig. Daher sollten Strukturen zur Förderung und zum Transfer sozialer Innovationen immer die jeweiligen Besonderheiten vor Ort berücksichtigen. Der Aufbau gezielter Transferzentren kann hier eine dauerhafte Beratungsstruktur darstellen, die diese Besonderheiten berücksichtigen kann und weitere Finanzierungsquellen bereithält – beispielsweise in Anlehnung an die „Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien (RENN)“18. Zusätzlich können Innovationsscouts, entweder als Teil der Kommunalverwaltung oder in deren Auftrag, Trends beobachten, Bedürfnisse und Bedarfe identifizieren und relevante Akteure zusammenbringen. Dafür sollten Kommunen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Potenzial sozialer Innovationen sensibilisieren und schulen. Akademien für öffentliche Verwaltung sollten ihr Ausbildungsangebot erweitern. Zur finanziellen Unterstützung sollte der Geltungsbereich der staatlichen Innovationsgutscheine auf soziale Innovatoren ausgeweitet werden. Grundsätzlich sollten öffentliche und privat organisierte Netzwerke mehr unterstützt und gefördert werden können. Sie sind der Ort, an denen Menschen interdisziplinär zusammenkommen, sich austauschen und mithilfe von Methoden wie beispielsweise Design Thinking gemeinsam Lösungen entwickeln. Dabei können bestehende Strukturen berücksichtigt und deren Mandat auf soziale Innovationen ausgeweitet werden. Unter anderem können solche Beratungs- und Vernetzungsmöglichkeiten an die zwölf Digital Hubs angelehnt werden, mit denen die Bundesregierung digitale Innovationen fördert. Es empfiehlt sich aus diesem Grund, eine solche vorhandene Förderung auch auf andere soziale Innovationen auszuweiten und die bereits existierenden Impact Hubs stärker zu unterstützen. Länder wie Schottland haben in diesem Zusammenhang durch Projekte wie das ShareLab Scotland19 bereits gezeigt, dass solche Zentren gut funktionieren können.


5Annex

Literaturverzeichnis

1 Bundesregierung (2018): Forschung und Innovation für die Menschen. Die Hightech-Strategie 2025, S. 11.

2 Hightech-Forum (2017): Gemeinsam besser. Nachhaltige Wertschöpfung, Wohlstand und Lebensqualität im digitalen Zeitalter, S.3. Verfügbar unter: https://www.stifterverband.org/hightech-forum | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

3 Vgl. Mazzucato, M. (2019): Governing Missions in the European Union. Brussels: European Commission.

4 Bundesregierung (2018): Forschung und Innovation für die Menschen. Die Hightech-Strategie 2025, S. 4.

5 The Prize in Economic Sciences (2019): NobelPrize.org. Nobel Media AB 2019. Verfügbar unter: www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/2019/summary | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

6 Duflo, E. (2019): Innovations for Poverty Action. Verfügbar unter: www.poverty-action.org/people/esther-duflo | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

7 Staatslabor. Verfügbar unter: www.staatslabor.ch/de | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

8 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2016): Herausforderungen bei der Gründung und Skalierung von Sozialunternehmen. Welche Rahmenbedingungen benötigen Social Entrepeneurs? Verfügbar unter: www.bmwi.de/Redaktion/DE/Downloads/H/herausforderungen-bei-der-gruendung-und-skalierung-von-sozialunternehmen-zusammenfassung.html | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

9 Metzger, G. (2019): KfW Research. Social Entrepeneurs in Deutschland: Raus aus der Nische – 154.000 „junge“ Sozialunternehmer im Jahr 2017. Nr. 238. 6. Januar 2019, S. 2.

10 Göler von Ravensburg, N., Krlev, G., Mildenberger, G. (2018): Social enterprises and their ecosystems in Europe. Updated country report: Germany. Luxemburg: Publications Office of the European Union, S. 32. Verfügbar unter: https://ec.europa.eu/social/BlobServlet?langId=en&docId=20563& | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

11 Metzger, G. (2019): KfW Research. Social Entrepeneurs in Deutschland: Raus aus der Nische – 154.000 „junge“ Sozialunternehmer im Jahr 2017. Nr. 238. 6. Januar 2019, S. 3.

12 Hightech-Forum (2019): Wege zum 3,5-Prozent-Ziel. Verfügbar unter: www.hightech-forum.de/wp-content/uploads/2019/08/HTF_Impulspapier_Wege_zum_3-5-Ziel.pdf | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

13 Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Das Kompetenzzentrum innovative Beschaffung. Verfügbar unter: www.koinno-bmwi.de | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

14 SEND (2019): Nachrichtenlose Assets. Reformvorschlag. Verfügbar unter: https://www.send-ev.de/2019-10-02_aufbau-eines-social-impact-fonds-%C3%BCber-nachrichtenlose-verm%C3%B6genswerte/ | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

15 Big Lottery Fund. Verfügbar unter: https://www.tnlcommunityfund.org.uk/ | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

16 NESTA. Verfügbar unter: www.nesta.org.uk | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

17 VINNOVA. Verfügbar unter: www.vinnova.se/en | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

18 Regionale Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien. Verfügbar unter: https://www.renn-netzwerk.de | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

19 ShareLab Scotland. Verfügbar unter: https://www.nesta.org.uk/project/sharelab-scotland/ | Letzter Zugriff am 28.11.2019.

 

Über dieses Impulspapier

Die Inhalte des vorliegenden Impulspapiers wurden im aktuellen Hightech-Forum auf der Sitzung am 20. November 2019 beraten und kommentiert. Es stellt keinen einstimmigen Beschluss des Gremiums dar.

Die in diesem Impulspapier dargelegten Positionen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Bundesregierung wieder.

Dieses Impulspapier wurde von den Mitgliedern des Thementeams „Soziale Innovationen“ des Hightech-Forums Prof. Dr. Anke Hassel (Sprecherin), Prof. Dr. Manfred Prenzel, Julia Römer, Prof. Dr. Birgitta Wolff und Prof. Dr. Christiane Woopen erarbeitet, mit dem Ziel, die Bundesregierung bei der Umsetzung der Hightech-Strategie 2025 zu beraten.

Es beruht auf den Beiträgen aus einem Experten-Workshop „Soziale Innovationen im Anwendungsfeld Mobilität“ und einem Policy-Learning-Seminar „Social innovation in the field of social integration“ mit jeweils ca. 30 internationalen und nationalen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft am 8. Juli bzw. 25. September 2019 in Berlin sowie der Beratung durch die Mitglieder des Hightech-Forums.

 

Danksagung und beteiligte Organisationen

Die Mitglieder des Hightech-Forums bedanken sich bei den folgenden Organisationen für Impulse und Anregungen während der Workshops:

„Soziale Innovationen im Anwendungsfeld Mobilität“, 8. Juli 2019, Berlin:

Allgemeiner Deutscher Fahrradclub e. V., Austrian Institute of Technology GmbH, Bundesverband CarSharing e. V., Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V., Bundesministerium für Bildung und Forschung, CleverShuttle, Companion2Go GbR, Cooler UG, Deutsche Bahn AG, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), e.2Go GmbH, Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation, Fraunhofer IAO, Fraunhofer IESE, Hertie School Berlin, IG Metall, Institute for Advanced Studies e. V., Institut Arbeit und Technik, Institut für sozial-ökologische Forschung, Institut für Zukunftsstudien und Technologieberatung GmbH, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Katalyse Institut e. V., Social Entrepreneurship Netzwerk e. V., TU Berlin – Institut
für Wirtschaft und Stadt, TU Berlin – Institut für Land- und Seeverkehr, TU Dortmund – Sozialforschungsstelle Dortmund, Universität zu Köln – Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health, VDI/VDE Innovation und Technik GmbH, Verbraucherzentrale Bundesverband e. V., Verkehrsclub Deutschland e. V., WZB Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik.

„Social innovation in the field of social integration“, 25. September 2019, Berlin:

Alexander von Humboldt Institute for Internet and Society, Amsterdam Smart City, Bit Lab Cultural, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Hertie School Berlin, Hochschule Luzern, Kompetenzzentrum Soziale Innovation Sachsen-Anhalt, Social Good Accelerator, Kennisland, Politics for Tomorrow, Social-Bee gGmbH, Universität zu Köln – Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health, Waag, Zentrum für Soziale Innovation GmbH.

 

Redaktionsschluss
28. November 2019

2 Kommentare zu diesem Thema

  • 17. Dezember 2019 16:30 comment von Dr. Klaus Schuch, Leiter des Zentrum für Soziale Innovation (ZSI)

    Ich unterstütze das Impulspapier sehr. Es befasst sich in vielen Punkten mit wichtigen strukturellen Problemen, für die Lösungen gefunden werden müssen bzw. für die im Impulspapier bereits sehr viele wichtige Lösungsansätze skizziert sind.

    Vielleicht ein Punkt, der mir im Kontext der Hightech-Strategie noch wichtig ist, aber m. E. nicht explizit genug betont wird, obwohl mehrfach im Impulspapier angerissen, ist die stärkere integrative Entwicklung sozio-technischer Innovationen, für die unterschiedliche Akteure, durchaus auch (aber nicht exklusiv) im Sinne einer transformativ verstandenen FTI-Politik, mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Innovationsansätzen (natürlich inklusive sozialer Innovation) zusammen gebracht werden sollten (also explizit auch in F&E-Projekten). Hier wäre auch ein Ansatz für eine höhere Inklusion von GSK-ForscherInnen.


  • 17. Dezember 2019 12:57 comment von Gorgi Krlev

    Tolle Idee die Kommentare zu bündeln und öffentlich zu machen. Ich selbst und ich denke einige andere, haben bereits über Social Media kommentiert. Daher:

    https://twitter.com/gorgikrlev/status/1202244853087780864


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