Hightech-Forum -
Foto: Museum für Naturkunde Berlin

„Der Blick über den Tellerrand schafft Orientierung“

Interview mit Professor Vogel über offene Wissenschaft und Innovation durch Partizipation

Professor Johannes Vogel ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin, einem der weltweit bedeutendsten Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der biologischen und geowissenschaftlichen Evolution und Biodiversität. Die Institution versteht sich als Forschungsmuseum und Kommunikationszentrum mit dem Ziel, den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Dialog um die Zukunft unserer Erde zu prägen.

Auch als Mitglied des Hightech-Forums engagiert sich Professor Vogel für das Thema „Offene Wissenschaft und Innovation“. Aktuell arbeitet er gemeinsam mit weiteren Mitgliedern an Empfehlungen für die Bundesregierung, an welchen politischen, institutionellen und kulturellen Stellschrauben gedreht werden muss, um eine Neugestaltung von Innovationsprozessen und wissenschaftlicher Praxis zu ermöglichen.

Im Interview spricht Professor Vogel über den Wert von Offenheit für die Wissenschaft und darüber, wie das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zum Motor für Innovation werden kann.

Hightech-Strategie für eine offene Wissenschafts- und Innovationskultur

An welchen Stellen und in welcher Form braucht das zukünftige Innovationssystem eine Öffnung von Wissenschaft und Forschung, um neue Quellen für neues Wissen zu generieren? Welche Infrastrukturen fördern Kooperation und Kollaboration zwischen den Akteuren? Wie können Wissen und Daten besser nutzbar gemacht werden? Wie können Innovationspotenziale durch Öffnung erschlossen werden?

Das Hightech-Forum arbeitet aktuell an Empfehlungen für eine offene Wissenschafts- und Innovationkultur. Die Arbeitsergebnisse werden auf der nächsten Sitzung am 30. September 2020 besprochen.

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Herr Prof. Vogel, Sie leiten eine Institution, die schon seit einiger Zeit für offene Wissenschaft steht. Das Museum für Naturkunde wird weltweit als Vorbild für Forschungsmuseen gesehen. Was machen Sie bei sich im Haus anders als andere?

Wir ringen ständig um die besten Ansätze. Wir hören den Menschen zu und geben ihnen den Raum zum Selberdenken. Das gilt für die Besucher*innen unserer Ausstellung ebenso wie für unsere Partner aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die Wissenschaft spricht immer noch viel zu häufig zu sich selbst, dabei wird sie von der Gesellschaft so dringend gebraucht.

Sie investieren sehr viel in Citizen-Science-Projekte, Diskurs-Formate und ganz allgemein Wissenschaftskommunikation. Was treibt Sie an?

Der Anspruch und Auftrag, ein integriertes Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft zu sein, und der Glaube daran, dass Menschen von Natur aus wissbegierig sind. Wir wollen in Zukunft noch viel stärker erproben, wie wir vom Wissen über Natur zu einem Handeln für Demokratie und Natur kommen. Auch das ist ja eine Form des Wissens: Handlungs- oder Orientierungswissen! In Citizen Science ist diese Verknüpfung bereits angelegt, viele Initiativen entspringen ja aus einem tiefen Interesse oder einer Sorge um die Welt, zum Beispiel der Sorge um den Biodiversitätsverlust. Aber Ausgangspunkt ist eigentlich immer die Neugier. Diese Neugier versuchen wir aufzunehmen, mit den Menschen für die Menschen zu entwickeln – so lernt die Wissenschaft zuzuhören.

 

„Die breite Beteiligung der Gesellschaft an der Forschung ist eine wichtige Voraussetzung für neue Ideen und Innovationen.“

 

Warum muss sich die Wissenschaft öffnen?

Die Gesellschaft bezahlt Wissenschaft, damit hat sie ein Recht auf Teilhabe. Und ich glaube fest daran, dass die breite Beteiligung der Gesellschaft an der Forschung eine wichtige Voraussetzung für neue Ideen und Innovationen sind, die wir für eine lebenswerte Zukunft dringend brauchen. Die demokratische Wissensgesellschaft braucht eine neue Kultur des Wissensaustauschs.

Wie muss sich die Wissenschaft verändern?

Den wichtigsten Grund habe ich gerade schon genannt: Innovation durch Partizipation. Der zweite Punkt ist das Aufbrechen der Silos hochgradiger Spezialisierung in der Wissenschaft. Wir sind dabei, den Überblick über unser Wissen zu verlieren. Der Blick über den eigenen Tellerrand schafft Orientierung. Wir können so viel voneinander lernen, wenn wir nur miteinander sprechen, wenn jede Seite sich erklären muss, wenn jede Seite bereit ist zuzuhören.

 

„Wir haben alles, was wir brauchen: Mut, Ideen, Köpfe, Gemeinschaft, Demokratie und Natur als unendliche Innovationsmaschine.“

 

Wie wird das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft zum Motor für Innovation?

Indem wir von Beginn an disziplinenübergreifend und mit Wissens- und Entscheidungsträgern aus der Gesellschaft Fragestellungen identifizieren und bearbeiten. Die Globalen Nachhaltigkeitsziele sind umfassend und anspruchsvoll – wie erfüllen wir sie? Am besten doch in einer demokratischen Wissensgesellschaft und im Zusammenspiel von sozialen und wissenschaftlich-technischen Innovationen. Wir wissen so wenig über das Leben auf diesem Planeten und darüber, wie menschliche Gesellschaften in eine nachhaltigen Wechselbeziehung mit der Natur treten können. Diese Frage ist vielleicht der eigentliche Motor für Innovation und sie wird auch eine immer stärkere Motivation, je mehr wir die zerstörerischen Auswirkungen unseres Handelns spüren. Ich schlage allerdings vor, es positiv zu sehen. Wir haben alles, was wir brauchen: Mut, Ideen, Köpfe, Gemeinschaft, Demokratie und Natur als unendliche Innovationsmaschine. Es gibt so viel zu entdecken!

Regionaldialog „Wissenschaft, öffne dich! Wissenschaft und Gesellschaft als Motor für Innovation“

Professor Vogel engagiert sich als Themenpate für den Berliner Regionaldialog „Wissenschaft, öffne dich! Wissenschaft und Gesellschaft als Motor für Innovation“. Es ist eine von sieben Veranstaltungen deutschlandweit, die zur Weiterentwicklung der Hightech-Strategie 2025 der Bundesregierung durchgeführt werden. Wer sich daran beteiligen möchte, findet weitere Informationen auf der Online-Plattform zum Beteiligungsprozess.

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